Nachfahren der Familie Stern besuchen Melbach
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Eine außergewöhnliche Reise in die Vergangenheit führte Ende Mai vier Besucher aus London nach Melbach. Leslie und Lesley Michaels sowie Peter und Jane Stern begaben sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahren, die einst in dem Wölfersheimer Ortsteil lebten. Organisiert und begleitet wurde der Besuch von Heimatforscher Eugen Rieß, dessen langjährige Forschungen zur Geschichte der jüdischen Familien des Dorfes die Grundlage für die Begegnung bildeten. Die Gäste waren im Rahmen einer Deutschlandreise nach Hessen gekommen. Anlass war unter anderem die Vorstellung eines Buches über ihre Vorfahren in Wehrheim. Darüber hinaus besuchten sie Nieder-Florstadt, wo ebenfalls Angehörige der Familie gelebt hatten. Der Kontakt nach Melbach war über den früheren Leiter des Butzbacher Museums, Dr. Dieter Wolf, zustande gekommen. Eine Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte Der Besuch begann in der evangelischen Kirche von Melbach. Dort wurden die Gäste von Pfarrerin Andrea Krügler, Ingrid Marloff-Kunkel, Thomas und Magda Gerlach empfangen. Auch Bürgermeister Eike See nahm an dem Termin teil und begleitete die Gruppe während des Aufenthalts. Die Kirche war bewusst als Ausgangspunkt der Führung gewählt worden. Sie gehört zu den wenigen Gebäuden des Dorfes, die bereits zur Lebenszeit der Vorfahren der Familie Stern existierten und bis heute weitgehend unverändert erhalten geblieben sind. Für die Besucher bot sich dadurch die seltene Gelegenheit, einen Ort zu erleben, der schon ihren Vorfahren vertraut gewesen sein könnte. Anhand historischer Karten, Fotografien und Dokumente erläuterte Eugen Rieß die Entwicklung Melbachs vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei zeichnete er nicht nur die Geschichte der Familie Stern nach, sondern vermittelte auch ein eindrucksvolles Bild vom Zusammenleben von Christen und Juden in einem hessischen Dorf. Jüdisches Leben in Melbach Einen Schwerpunkt der Führung bildete die Geschichte der jüdischen Gemeinde. Die Juden in Melbach gehörten über Jahrhunderte zu den sogenannten Schutzjuden. Dieser Status gewährte ihnen gegen die Zahlung besonderer Abgaben das Recht, sich niederzulassen und ihren Berufen nachzugehen. Gleichzeitig blieb ihre rechtliche Stellung jedoch unsicher und abhängig vom Wohlwollen der jeweiligen Herrschaft. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verbesserten sich die Lebensbedingungen vieler jüdischer Familien. Mit der schrittweisen Einführung von Bürgerrechten und Wahlrechten erhielten sie zunehmend die Möglichkeit, am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen. Dennoch blieb das Zusammenleben nicht frei von Spannungen und Vorurteilen. Wie stark sich die jüdische Bevölkerung Melbachs im Laufe der Zeit veränderte, zeigen die historischen Einwohnerzahlen. Während 1832 noch 25 jüdische Einwohner im Ort lebten, waren es um 1900 nur noch fünf. 1910 wurden lediglich zwei jüdische Einwohner gezählt. Bereits wenige Jahre später gab es in Melbach keine jüdische Gemeinde mehr. Die Geschichte der Familie Stern Im Mittelpunkt des Besuchs stand die Geschichte der Familie Stern. Besonders das Leben von Levi Stern, der am 20. Juli 1847 in Nieder-Florstadt geboren wurde. Nach seiner Heirat mit Pauline Simon zog das Ehepaar nach Melbach, wo Levi Stern zunächst als Gerber und später als Kaufmann tätig war. Bereits 1881 erhielt er die Genehmigung zum Handel mit Kleidung, Knöpfen und verschiedenen Waren des täglichen Bedarfs. Um die Jahrhundertwende betrieb er ein Kolonialwarengeschäft im Dorf und gehörte damit zu den bekannten Geschäftsleuten Melbachs. Sein Wohn- und Geschäftshaus befand sich am Anfang der Großen Gasse und wurde während der Führung ebenfalls besichtigt. 1913 verließ die Familie Melbach und zog nach Friedberg. Einige Jahre später folgte der Umzug nach Berlin-Wilmersdorf. Zu den Kindern von Levi und Pauline Stern gehörte Julius Isidor Stern, der 1878 in Melbach geboren wurde. Er wanderte 1908 nach England aus, wo er in der Textilbranche tätig wurde. Die britische Hauptstadt entwickelte sich zur neuen Heimat der Familie. Zu seinen Nachfahren zählen die heutigen Besucher Lesley Michaels und Peter Stern. Für die Gäste aus London war die Begegnung mit den Orten ihrer Familiengeschichte ein besonderer Moment. Viele der überlieferten Informationen waren ihnen bislang unbekannt. Umso größer war die Freude darüber, die Lebensstationen ihrer Vorfahren nun an den Originalschauplätzen kennenlernen zu können. Geschichte zum Anfassen Während des Rundgangs wurde auch die allgemeine Ortsgeschichte Melbachs lebendig. Die Besucher erfuhren von den politischen Umbrüchen nach den Napoleonischen Kriegen, von den Folgen des verheerenden Vulkanausbruchs des Tambora im Jahr 1815 und von den Hungersnöten des sogenannten „Jahres ohne Sommer“ 1816. Ein weiterer Schwerpunkt war die Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Eugen Rieß erinnerte dabei an Christoph Keil, einen der bedeutendsten Söhne Melbachs. Als Mitglied des Vorparlaments und der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 gehörte er zu den frühen Verfechtern demokratischer Rechte in Deutschland. Auch der Melbacher Haag, das Wahrzeichen des Dorfes, stand auf dem Programm. Dort berichtete Rieß von der großen Volksversammlung des Jahres 1848, zu der mehrere Tausend Demokraten aus der Region zusammenkamen. Bewegender Abschluss auf dem jüdischen Friedhof Nach einer gemeinsamen Mittagspause führte die Exkursion schließlich zum jüdischen Friedhof in Wölfersheim. Dort ruhen mehrere Angehörige der Familie Stern. Für die Gäste aus England war dieser Besuch der emotionalste Moment des Tages. Nach jüdischer Tradition legten sie kleine Steine auf die Grabsteine ihrer Vorfahren. Die stille Geste erinnerte an Menschen, deren Lebenswege einst in Melbach begannen und deren Nachkommen heute über Europa verstreut leben. Bürgermeister Eike See zeigte sich beeindruckt von der Begegnung und dem Interesse der Gäste an ihrer Familiengeschichte. Auch die Besucher selbst betonten, wie wichtig es für sie sei, die Herkunft ihrer Familie besser zu verstehen und die Orte kennenzulernen, an denen ihre Vorfahren gelebt und gearbeitet hatten. Der Besuch machte deutlich, dass die Geschichte kleiner Orte wie Melbach weit über die Dorfgrenzen hinausreicht. Dank der umfangreichen Forschungen von Eugen Rieß konnten längst vergessene Lebensgeschichten wieder sichtbar werden. Für die Nachfahren der Familie Stern wurde die Reise nach Hessen damit zu einer eindrucksvollen Begegnung mit den eigenen Wurzeln – und für Melbach zu einem besonderen Tag der Erinnerung und Verständigung.